05.2020 Sigrid Tinz im Gespräch mit Sophie Andresky, Autorin u.a. von „Enjoy yourself“ und "Sex-Circus".

Ich achte darauf, dass meine Sexszenen masturbationstauglich sind, das heißt nicht zu künstlerisch und eine gute Länge haben, damit man beim Masturbieren nicht ständig blättern muss.

Erotik-Couch: Liebe Frau Andresky, Sie schreiben Sex-Romane, Ratgeberkolumnen und Beiträge für verschiedene Magazine, über Sex-Toy-Tests bis zur Tantrareportage, und Sie sind laut Klappentext eines Ihrer Bücher Deutschlands erfolgreichste Porno-Autorin: Ist das Ihr Traumberuf, und wie wird man das?

Sophie Andresky: Angefangen hat alles aus reiner Notwehr. Als Teenager stellte ich fest, dass ich Verbalerotikerin bin, ich es also heiß finde, erotische Bücher zu lesen und auch über Sex und beim Sex zu sprechen. Also habe ich mich durch die Klassiker gelesen. Und dann gab es erstmal nichts Richtiges mehr. Da hatte ich die Wahl zwischen schmierigen Männer-Pornos, in denen dumme dauergeile Blase-Fetischistinnen auf Knien rutschten, und esoterische frauenbewegte Selbstfindungs-Texte, in denen Autorinnen blumig die Mystik ihrer Vagina ergründeten. Beide Richtungen, die frauenfeindlichen Pornos wie die Preiset-meine-Klitoris-Ergüsse, hatten gemeinsam, dass sie absolut humorlos waren.

Ich fand das alles sehr unbefriedigend, erotisch wie künstlerisch. Ich wollte gern emanzipierte, entspannte Frauenfiguren, die mit Lust und Selbstverständlichkeit Sex haben und sich nicht dafür entschuldigen, die unterschiedliche Körper und unterschiedliche Vorlieben haben. Und ich wollte gern Geschichten, die auch als Geschichten funktionieren und sich nicht in Brummifahrer vögelt Anhalterin, Chef vögelt Sekretärin, Hausmeiste vögelt Nachbarin, Handwerker vögelt Kundin erschöpfen. Das gab es 1996, als ich mit erotischen Kurzgeschichten anfing, aber nicht, also hab ich sie mir selbst geschrieben. Eher aus Spaß (ganz viel in meinem Leben passiert, weil ich es einfach mal mache und gar nicht, weil ich es schwer durchdacht und von langer Hand vorbereitet habe) schickte ich eine Sammlung an Bastei Lübbe, die daraus direkt einen Kurzgeschichtenband machten.

Dann kamen viele weitere Kurzgeschichten und mit „vögelfrei“ 2009 der erste Roman. Geplant war das alles nicht. Aber ich bin sehr froh, dass es so gekommen ist! Zum einen kann ich tun, was ich am liebsten mache, nämlich schreiben, und das auch noch über ein Thema, das immer spannender wird, je mehr man sich damit beschäftigt, Sex ist wirklich unerschöpflich. Zum anderen geben mir die Bücher und die Zeitschriften eine Plattform um ein paar Dinge zu verbreiten, die mir wirklich wichtig sind:

  1. Nur safer Sex ist guter Sex.
  2. Nur einvernehmlicher Sex ist überhaupt Sex, alles andere ist Nötigung und Vergewaltigung.
  3. Sex ist kein Lifestyle-Produkt für besonders junge, schöne Menschen. Lust und Intimität ist für jeden da, für alte, behinderte, hässliche oder Menschen mit seltenen Vorlieben.
  4. Sex ist keine Dienstleistung. Das geht vor allem an die Frauen: Vergesst diesen Scheiß von Sex-Performance und Blasekönigin-sein. Das wahre Leben ist kein Pornofilm, also tretet Menschen, die euch erniedrigen oder benutzen wollen, direkt hochkant aus dem Bett.
  5. Humor schadet nicht. Nie. Nirgends. Auch beim Vögeln nicht.
  6. Es gibt keinen guten, richtigen, gesunden Sex und krankes Zeug von sogenannten Randgruppen. Normal ist in der Sexualität keine Größe. Es gibt so viele Normalitäten und Sexualitäten wie Menschen. Lasst euch nicht von religiösen Gruppierungen, Zeitschriften, Statistiken oder sonstwem reinreden, wie man richtig fickt.

Erotik-Couch: Ihr neuester Roman erscheint in Kürze. „Love-Coach“ ist bei weitem ja nicht Ihr erstes und einziges Buch und wird hoffentlich auch nicht das letzte sein. Für so viele Bücher brauchen Sie auch viele Ideen – wie finden Sie die? Oder finden die Ideen sie und sie können gar nicht so viele Bücher schreiben?

Sophie Andresky: Manchmal verwechseln Leute meine Bücher mit Beichten, das sind sie nicht, es ist Belletristik, also Fiction, ausgedacht. Ich bin keine Nymphomanin, die über ihr Leben schreibt, sondern eine Geschichtenerzählerin mit dem Schwerpunkt Erotik. Die Romane entstehen immer ganz unterschiedlich. Den Antrieb, genau dieses Buch jetzt zu schreiben, ist immer ein anderer. Manchmal interessiert mich das Genre. Bei „Dark Room“ zum Beispiel wollte ich unbedingt mal einen Thriller probieren. Bei „Hotel d’Amour“ war es die historische Figur der Anita Berber, die mich schon viel Jahre fasziniert hat. Außerdem bin ich ein Riesenfan der 20er Jahre, ich liebe die Mode, die Musik, Berlin, wie es damals war mit allen seinen Extremen von sehr glamourös bis ganz schrecklich. Bei meinem neuen Roman „Lovecoach“ ging es mir um das Motiv der Frauenfreundschaften. Ich bin eine ausgesprochene Frauenfrau und meine Freundinnen sind ein ganz wichtiger Teil meines Lebens, darüber wollte ich schon lange mal schreiben. Ich sammel immerzu Ideen, Zeitungsartikel, Gesprächsfetzen, Merkwürdigkeiten, die mir im Alltag begegnen, Träume, eigene erotische Phantasien, natürlich auch eigene Erlebnisse, also alles, das mich irgendwie interessiert. Teilweise wartet das jahrelang in einer Schublade auf den richtigen Moment. Ganz unten zum Beispiel – und mein Verlag Heyne Hardcore wird die Motten kriegen, wenn sie das lesen und beten, dass ich das nicht wirklich angehe - liegt ein Entwurf für einen erotischen Science Fiction. Ein Mehrgenerationenschiff mit einer Art Barbarella als Capitänin, das durchs All saust und sich mit fremden Planeten und Paarungsritualen konfrontiert sieht. Ich stelle es mir als eine Mischung aus „Per Anhalter ins All“ und „Star Treck“ vor, nur durchgeknallter, schriller und natürlich sehr sexy. Aber erstmal steht jetzt „vögelwild“ an, das ist die Fortsetzung zu „vögelfrei“. Da kann und will ich aber noch nichts verraten, ich plotte gerade und fange im Mai an, zu schreiben.

Erotik-Couch: In Ihren Büchern kommt – klar – viel bis sehr viel Sex vor. Darüber zu schreiben ist eine Kunst und fällt vielen Autoren nach eigener Aussage nicht so leicht. Wie ist das bei Ihnen?

Sophie Andresky: Mich macht das heiß. Ganz ehrlich: Wenn man beim Schreiben klemmt und man merkt, dass man sich durch die Szene schämt, dann sollte man es lieber lassen. Porno muss einem liegen. Ich achte darauf, dass meine Sexszenen masturbationstauglich sind, das heißt nicht zu künstlerisch und eine gute Länge haben, damit man beim Masturbieren nicht ständig blättern muss und einem im Liegen im dümmsten Moment das Buch auf die Stirn fällt – Verbalerotikerinnen wissen, was ich meine. Ich masturbiere einige meiner Sexszenen Probe, um zu sehen, ob sie sich kontinuierlich steigern und nicht mittendrin etwas steht, dass einen wieder total abturnt.

Erotik-Couch: Was ist Ihnen dabei wichtig, welche Erotik wollen Sie Ihren Leserinnen zeigen?

Sophie Andresky: Ich möchte gut gelaunte, freiwillige, konsensuale Sexszenen ohne großes Gelaber oder Lamentieren. Ich versuche, Porno-Klischees genauso zu vermeiden wie Geschlechter-Stereotype. Es gibt mindestens eine Sexszene pro Kapitel und alle sollen auf ihre Kosten kommen. Vielleicht ist da mal eine Szene dabei, die einen nicht so anturnt, das ist beim Sex eben so. Es sind ja auch keine Tatsachenberichte, sondern Fiction, also Märchen für Erwachsene, d.h. ich zeige Sex so wie er bestenfalls sein könnte. Die Männer wissen, wo die Klitoris ist, und memmen bei Themen wie Verhütung oder Vorspiel nicht rum. Und die Frauen kennen ihren Körper, fühlen sich wohl damit und kommen natürlich.

Ich finde den weiblichen Orgasmus übrigens nicht halb so mysteriös wie die Zeitschriften immer behaupten. Wenn es kein emotionales Problem gibt und eine Frau nicht traumatisiert ist, sie weiß, wie sie es haben möchte, und der Mann es richtig angeht, wüsste ich nicht, warum der Höhepunkt so eine Riesensache sein sollte. Meiner Meinung nach geht diese Diskussion am wahren Problem vorbei. Man tut so, als seien Frauen physisch und psychisch wahnsinnig kompliziert. Fakt ist aber doch: Frauen werden einfach in ihrem Alltag sehr sehr oft gedemütigt, und das hinterlässt Spuren. Praktisch jede Frau, die ich kenne, ist ständig auf Diät. Sie haben Hunger und verstehen ihren Körper als Mangelware oder Problemzone. Sie werden auf ihre Rolle reduziert, erleben Benachteiligung, Bevormundung, körperliche Aggressionen bis hin zur Gewalt und es wird sich auch in seriösen Medien praktisch ununterbrochen über sie lustig gemacht. Und dann soll man mit Gongschlag plötzlich zur Sexgöttin mutieren und sich orgiastisch fallen lasen? Und erstaunlich viele Männer glauben, dass Männer-Sex der einzig wahre ist und wundern sich, wenn eine Frau nach dem Programm drei Minuten rubbeln, zehn Minuten Schwanzlutschen, und Penetration nicht zum Orgasmus kommt. Das könnte ich natürlich in meinen Sex-Szenen alles thematisieren, ich bin aber fest davon überzeugt, dass es mehr Wirkung hat, wenn man einfach selbstverständlich und ohne großes Lamento schönen befriedigenden Sex zeigt. Was es bei mir übrigens auch nicht gibt: Frauen, die nein sagen, aber ja meinen. Menschen, die zum Sex überredet werden, sich erst wehren, es dann aber doch toll finden. Oder Männer, die sich irgendwas nehmen. Das gibt‘s bei mir nicht. Ich finde es sehr beunruhigend, dass gerade in der Selfpublisher-Szene sehr viele solcher Bücher herauskommen, in denen junge Mädchen gebrochen, abgerichtet oder als Sklavin gehalten werden. Nichts gegen einvernehmliche S/M- oder Dominanz-Spiele, aber dieses zweckfreie Anketten und so lange durchvögeln, bis die Frau es endlich einsieht und geil findet, ist doch nur ekelhaft. Ohne zu viel verraten zu wollen, werde ich das in „vögelwild“ thematisieren, und wer mich kennt, weiß, dass man sich bei mir nicht ungestraft so aufführt und dass das vermeindliche Opfer nicht halb so wehrlos ist, wie der Herr und Meister anfangs vielleicht glaubt.

Erotik-Couch: Ganz frisch erschienen ist Ihr Ratgeber, „Enjoy yourself“, der in sofern besonders ist, dass er passgenau zur Corona-Krise geschrieben ist. Sex unter Quarantäne lautet deshalb auch der Untertitel. Gleichzeitig lautet eine Kapitelüberschrift im Love-Coach-Roman: „Lesen Sie keine Ratgeber. Niemals.“ Wie passt das zusammen?

Sophie Andresky: Mich nerven Ratgeber, die mir vorschreiben, welche Technik es beim Vögeln bringt. Den Nippel durch die Lasche ziehen, das funktioniert im Bett nicht. Und ich finde es auch extrem kontraproduktiv, anderen Menschen zu erzählen, was sie mit einander anstellen sollen. „Enjoy yourself“ ist aber kein Ratgeber, der einem sagt, wie man es richtig macht, denn richtig oder richtiger gibt es nicht. Ich würde mir nie anmaßen, jemandem zu sagen, dass sein Sexleben ein Makeover braucht. Es sind Ideen und Anregungen, Spielideen, ich erzähle Dinge, die mir Spaß gemacht haben, schlage Bücher, Podcasts, Rollenspiele oder Toys vor, erzähle aus dem Nähkästchen und plaudere über alles, das mit Sex zusammenhängt. Man kann sich davon inspirieren lassen, muss man aber nicht. Es ist kein Ratgeber, es ist ein Gute-Laune-Sex-Buch für eine aktuell schwierige Zeit.

Erotik-Couch: Für „Enjoy yourself“ konnten Sie wahrscheinlich auf Ihre große Erfahrung und Ihr umfangreiches Sexwissen zurückgreifen, um in der Kürze der Zeit ein so umfassendes Buch zu schreiben. Angepasst ist es auf die Situation des Lockdowns, der vermutlich erst am Anfang war, als Sie mit dem Buch begonnen haben. Zum Erscheinungstermin und auch jetzt und heute sind einige Wochen Lockdown um. Würden Sie mit der Erfahrung dieser Wochen das Buch an irgendeiner Stelle ändern oder ergänzen? Und wenn ja, wie und womit?

Sophie Andresky: Es ist tatsächlich das schnellste Buch meiner Laufbahn. Ich bin extrem dankbar, dass ich das machen durfte, weil mir viele Dinge auf der Seele lagen, die ich jetzt mal an einer Stelle zusammenfassen konnte. Mein eigenes Sexleben hat sich im Shutdown eigentlich nicht groß geändert, aber ich glaube, dass viele zu Hause sitzende Singles und Paare vor neuen Herausforderungen stehen. Ich würde gern mit meinem Buch dazu beitragen, dass sie denken, diese ganze Sache hat bei aller Verunsicherung auch schöne und lustvolle Seiten. Wenn mir das gelinget, ist es großartig. Einige LeserInnen haben mir gemailt, was sie aus dem Buch ausprobiert haben oder dass sie etwas Neues kennengelernt haben, das ihre Beziehung jetzt bereichert. Und um auf die allererste Frage zurückzukommen: In solchen Momenten ist es wirklich ein Traumberuf!

Das Interview führte Sigrid Tinz im Mai 2020.
Foto © Gabriele Bärtels