Klassiker
der erotischen Literatur

Schon früher ging es heiß her

Sex ist so alt wie die Menschheit. Wann und wie die Erotik dazu kam, wissen wir nicht. Was wir wissen: Erotische Literatur gibt es nicht erst seit Fifty Shades of Grey, sondern seit es Literatur gibt, seit es Bücher gibt, vielleicht sogar, seit es Schrift gibt. Manche meinen tatsächlich, beides hänge zusammen: Denn wozu braucht man eine Schrift, wenn nicht (auch) dafür, über etwas zu schreiben, was ansonsten im Verborgenen stattfindet, was man nicht anfassen und herzeigen darf. Und was gleichzeitig wahnsinnig interessant ist.

Auch für andere wichtige kulturelle Entwicklungen war die Triebfeder eine schöne Nebensächlichkeit, so hat die Liebe zum Alkohol und zum Rausch wohl die Sesshaftigkeit des Menschen bewirkt.  Zu essen, mutmaßen Forscher, hätten die Jäger und Sammler im damaligen Klima eigentlich genug gehabt. Aber irgendwann, durch Zufall, muss wohl mal ein Urkornbrei umgekippt und vergoren sein; um das systematisch zu weiterzubetreiben, braucht man Zeit und einen festen Ort, denn es dauert je nach Qualität ein paar Wochen bis Monate. Und transportieren kann man das süffige Zeug auch nicht, wenn man noch keine Fässer hat. Belassen wir es dabei. Und wenden uns wieder der Erotik zu.

Erotische Darstellungen gab es auch schon vor und jenseits der Buchstaben, Runen und Hieroglyphen, nämlich im Bild. Was an den Höhlenwänden so alles prangte und was von dem, was erhalten ist, von uns als Nachwelt richtig gedeutet wird, lässt sich nicht genau sagen. So gibt es eine Höhle, deren natürliche Kalkablagerungen wie Brüste und Penisse aussehen.  Forscher streiten, ob die Verzierungen darauf natürlich sind oder, erotisch inspiriert, von menschlicher Hand hinzugefügt wurden.  Selbst wenn nicht, man kann davon ausgehen, dass die feuchte, enge Höhle und ihre Ausformungen die Menschen erfreut haben. Genau wie all die antiken Vasen, Teppiche und Wandbehänge, die nicht nur zu Deko-Zwecken mit Sexszenen verziert worden sind.

Natürlich ist es ein Unterschied, ob eine Abbildung oder Beschreibung tatsächlich auf eine erotische Wirkung abzielt oder ob es sich im weitesten Sinne um eine Erklärung oder ein Lehrwerk  handelt. Eva aus der Bibel ist sicherlich nicht zur erotischen Unterhaltung als nackt beschrieben, genauso wenig wie die korrekte Handhabung eines Kondoms im Bio-Buch.

Was als erotisch und als sexy gilt, ist ja immer auch vom persönlichen Geschmack und vom Zeitgeist geprägt. Das Ziel von erotischer Literatur, dem Leser die Tür zu sonst verborgenen Dingen zu öffnen und ihm Lust und Wohlbefinden zu bescheren, ist immer gleich. Egal wie das Niveau ist, die Story und in welchem Jahrhundert es geschrieben worden ist.

Deswegen haben viele gute Geschichten auch kein Verfallsdatum, deswegen findet Ihr auf unserer Couch auch nicht nur aktuelle Titel, die den vielfältigen Geschmack des Zeitgeistes treffen. Sondern auch alte Schätze, die es lohnt, neu- oder wiederzuentdecken:  Casanova, Lolita, Don Juan, Die Geschichte der O., Das Delta der Venus oder Salz auf unserer Haut. Von vielen dieser Titel werdet Ihr sicherlich zumindest grob die kennen, auch wenn Ihr das Buch gar nie gelesen habt. Das sind genau die Bücher, die landläufig als Klassiker gelten. Jeder kennt sie irgendwie, aber nicht das eine originale Werk. Sondern das Gesamtwerk an Aktualisierungen, Umarbeitungen, Übersetzungen, Verfilmungen.

Auch im klassischen Altertum gab es bereits saftige Schriften und auch Goethe hat nicht nur Faust geschrieben; in anderen Ländern und Kulturen waren die Autoren ebenfalls nicht untätig, bspw. im Reich der Mitteund im fernen Osten ging und geht es sinnenfroh und wortgewandt zur Sache.

Oft ist da sogar sehr besonders Feines dabei. Erstens, weil sich die Autoren viel Mühe gegeben haben - um dem immer drohenden Vorwurf der Unzüchtigkeit und Pornographie zu entgehen - ihr erotischen Werke als Kunst zu präsentieren. Auch das ist ja je nach Zeitgeist anders. Nicht immer ist erlaubt oder gesellschaftsfähig, was einem so gefällt; explizit darüber zu schreiben schon gar nicht. Und zweitens, weil sich über die Jahrhunderte sicherlich in erster Linie die Texte erhalten, die in welcher Hinsicht auch immer von besonderer Qualität sind.  Insofern wünschen wir Euch bei der noch kleinen, aber stetig größer werdenden Auswahl erotischer Klassiker anregende Lektüre und viel Vergnügen.

"Klassiker der erotischen Literatur" - Sigrid Tinz, Mai 2019
Titel-Motiv: © istock.com/Whiteway

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