Yella Cremer

09.2020 Sechs Fragen an Yella Cremer, die Autorin von „Liebe würde Slow Sex machen“

Slow Sex und Erotikromane sind vermutlich ähnlich weit auseinander wie Autofahren im Actionfilm vom realen Leben.

Erotik-Couch: Liebe Yella Cremer, Sie sind Sexexpertin, das verrät uns Ihr Buch in der Autoren Vita; und weil das Buch über Slow Sex handelt, nehmen wir mal an, Sie sind auch Slow-Sex-Expertin. Haben Sie den entdeckt oder erfunden? Und können Sie uns kurz erklären, was Slow Sex ist? Und vielleicht auch, was er nicht ist?

Yella Cremer: „Slow Sex“ gibt es mit verschiedenen Bezeichnungen schon sehr lange, „Karezza“ ist ein älteres Wort für etwas sehr ähnliches, Barry Long hat es in seiner Arbeit erwähnt und Diana Richardson hat zeitgleich mit Nicole Daedone ein englisches Buch mit dem Titel geschrieben. Ich verstehe darunter eine achtsame, entspannte und absichtslose Art Sex zu haben und ja, dafür bin ich auch Expertin und lehre das sehr gerne. „Slow“ dient dabei als ein Weg, alles zu fühlen, was vielleicht bei mehr Geschwindigkeit gar nicht wahrgenommen wird; die Absichtslosigkeit ist wichtig, um ohne ein Ziel, sei es auch ein schöner Orgasmus, im Moment zu sein. Slow Sex ist mehr eine Haltung als eine Technik.

Erotik-Couch: „Slow Sex“ ist ein Sachbuch. Hier auf unserer Erotik-Couch stellen wir aber auch viele Romane vor. In denen geht es immer heiß und hart zur Sache, alles klappt und flutscht. Natürlich sind das Geschichten, aber suggerieren die vielleicht falsche Vorstellungen vom Sex? Ein bisschen wie Pornos, die ja auch nicht viel mit der Realität zu tun haben. Und könnten Sie sich Bücher und Filme vorstellen, in denen die Protagonisten Slow Sex haben?

Yella Cremer: Slow Sex und Erotikromane sind vermutlich ähnlich weit auseinander wie Autofahren im Actionfilm vom realen Leben. Das eine dient der Unterhaltung und darf deswegen übertreiben und unrealistisch sein. Im Alltag möchte man doch lieber heil das Ziel erreichen. Ein Slow Sex Porno ist denkbar, er würde jedoch vermutlich nur von Menschen, die Slow Sex schon kennen Sinn machen und die würden ihn nicht gucken wollen, weil sie lieber Sex erleben als sich über das visuelle zu stimulieren. Es wäre dann eher Sex-Education – was ja auch mein Feld ist.

Erotik-Couch: In Ihrem Buch gibt es nach einer Einführung über das Entspannte und Absichtslose am Slow Sex eine ziemlich genaue Anleitung mit Zahlenwerten für Erregungslevel und Minutenangaben für Sex-Sessions. Wie passt das zusammen?

Yella Cremer: Wieso soll ich Absichtslosigkeit und Entspannung nicht messen lassen? Ich finde das passt gut zusammen. Wen ich die verschiedenen Zustände besser beschreiben kann, z.B. mit Messkalen kann ich auch besser überprüfen, wo ich gerad bin – und das meinem Partner mitteilen.

Erotik-Couch: Nochmal zum Absichtslosen: Slow Sex können und sollen wir haben ohne erregt zu sein. Nichts muss feucht werden oder steif, dafür gibt’s Gleitgel und Geduld. Geht’s dann nicht einfach ohne Sex - oder warum sollten Paare Sex haben, obwohl sie keine Lust haben?

Yella Cremer: Weil die Lust beim Sex kommt! Die meisten Menschen haben nicht keine Lust auf Lust grundsätzlich, sondern finden den Weg dahin irgendwann zu kompliziert oder steinig. Wenn es leicht geht – und das ist eine der wichtigsten Erfahrungen mit Slow Sex, die Paare machen, stellt sich auch mit der Zeit die Lust wieder ein. Und weil Slow Sex das Bedürfnis nach (sexueller) Verbindung erfüllt, das ganz unabhängig von Lust existiert. Sie sieht jedoch anders als in Hollywoodfilmen aus, wo die Paare übereinander herfallen.

Erotik-Couch: Und nochmal zum Entspannten: Sollen wir dann nur noch entspannt wie in der Hängematte liegen beim Sex? Kein Quickie in der Dusche, kein Blowjob im Auto, kein Analsex, kein Dreier? Oder geht das alles auch „slow“?

Yella Cremer: Das alles geht auch „slow“ oder ich würde sagen in dem Fall „achtsam“. Doch ganz wichtig ist in dem Zusammenhang: ich rate Paaren einen „Sexmix“ zu machen nach einer Anfangsphase, in der sie Slow Sex lernen. Es ist wie beim Essen: Immer nur Salat ist langweilig. Slow Sex ist nicht der bessere Sex sondern eine zusätzliche Möglichkeit, die bestimmte Bedürfnisse und Sehnsüchte richtig viel besser als heißer Sex erfüllt, nämlich die nach Nähe und Verbindung miteinander. Heißer Sex erfüllt einfach nur andere Bedürfnisse.

Erotik-Couch: Slow Sex ist ein Frauending, kann das sein? Frauen wollen es gemütlicher, für sich, oder um ihren Mann zu entlasten, der vielleicht mit einer künstlichen Hüfte, Bandscheibenvorfällen und Erektionsschwierigkeiten nicht mehr der jugendliche Potenzbolzen ist wie früher. Aber: wie kriegt man die Männer dazu, mitzumachen? Ohne dass sie sich unmännlich fühlen? (Und was sagen die, die sich drauf eingelassen haben?)

Yella Cremer: Nein, Slow Sex ist kein „Frauending“: Männer, die damit angefangen haben sind oft die größeren Verfechter von Slow Sex, weil es sie von dem Performancedruck entlastet und sie endlich bei der Partnerin landen. Etwas, wofür sich die meisten Männer ein Bein ausreißen und doch nie ankommen. Manche Männer sind einfach neugierig genug mitzumachen, wenn die Frau einen Vorschlag macht etwas Neues, sexuelles zu lernen. Andere brauchen die begeisterten Berichte von anderen Männern – deswegen gibt es das Buch! Grundsätzlich ist der wichtigste Tipp an Frauen: Locken ist immer besser als Erpressen! Wir haben dem Thema ein ganzes Kapitel im Buch gewidmet, denn diese Frage war eine der häufigsten Fragen an bei Vorträgen von mir.

Das Interview führte Sigrid Tinz im September 2020.
Foto © Yella Cremer

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