08.2019 Sigrid Tinz im Gespräch mit Sandra Konrad, Autorin von „Das beherrschte Geschlecht“.

Das Tabu für Frauen heute ist Grenzen zu haben und Grenzen zu setzen.

Erotik-Couch: „Das beherrschte Geschlecht“ heißt Ihr Buch. Was hat Sie bewogen, es zu schreiben – und wie kommt es an bei Freunden oder auf Partys, wenn Sie gefragt werden und erzählen, was Sie gerade so machen?

Sandra Konrad: Mein aktuelles Buch beschäftigt sich mit weiblicher Sexualität – das ruft erst mal Interesse hervor, dann Widerstand und dann Erschrecken und Wut. Ich habe „Das beherrschte Geschlecht“ zwei Jahre vor #metoo zu schreiben begonnen und da war es für viele noch fremd, einen Zusammenhang zwischen Sexualität und Macht zu ziehen. Hinter die Kulissen der vermeintlichen Gleichberechtigung zu schauen, ist verstörend, aber auch erhellend, denn nur, wenn uns die Missstände bewusst werden, können wir etwas dagegen tun. Im Grunde zeichne ich nach, wie es um die sexuelle Befreiung der Frau heute wirklich steht: Denn wir leben in einer Zeit, in der sowohl die Sexualisierung als auch die Unterwerfung der Frau als Gipfel der Emanzipation gefeiert werden. Die meisten der Frauen, mit denen ich gesprochen habe, behaupten, sexuell befreit zu sein, obwohl sie sich penibel nach den derzeitigen Normen richten: sexy und aufgeschlossen, aber nicht zu fordernd, nicht zu „schlampig“. Viele gehen über ihre Grenzen, um Männern zu gefallen. Weil das aber nicht zum Selbstbild der selbstbewussten, selbstbestimmten und sexuell befreiten Frau passt, werden diese Grenzüberschreitungen immer wieder umgedeutet in: Ich will, was er will. So ist auch der Titel meines Buches zu verstehen. Ich versuche aufzuzeigen, wie die männliche Herrschaft in den letzten Jahrhunderten in eine weibliche Selbstbeherrschung übergegangen ist.

Erotik-Couch: Viele hundert Seiten tragen Sie ausführlich und akribisch und sehr sehr unterhaltsam alles zusammen, was man über die weibliche Sexualität wissen und denken kann: Frauen- und Rollenbilder über die Jahrhunderte, Sexualmoral, Prostitution, Hexenmorde, Mütterrechte, echte und vermeintliche Frauen-Krankheiten…. nach der Lektüre hat man das Gefühl, so privat und persönlich, wie man meint, ist die eigene Sexualität gar nicht. Sondern jede von uns trägt unbewusst die kollektiven sexuellen Erfahrungen unser Mütter bis Urururururur-Großmütter in sich. Ist das so und wenn ja, warum?

Sandra Konrad: Es sind zum einen die kollektiven Erfahrungen, zum anderen die gesellschaftlichen Anforderungen, die Rollen und Regeln, die wir verinnerlicht haben. Wir wissen alle ziemlich genau, was von uns erwartet wird. Weibliche Lust wurde schon immer reglementiert und bewertet, Frauen waren entweder nymphomane Schlampen oder frigide, selbst der richtige Orgasmus war vorgegeben. Heute sind Frauen tatsächlich so frei wie nie zuvor, aber es gibt immer noch viel Scham und Beschämung: Wenn man nicht den perfekten Körper hat, wenn man zu dominant ist oder wenn man sexuell nicht alles mitmacht, was der Partner (sich vermeintlich) wünscht. Die sogenannte sexuelle Befreiung brachte neue Zwänge mit sich: Sexuelle Freiheit geht für Frauen heute oft mit einem Gebot des „Ja-Sagens“ einher. Das führt dazu, dass es immer wieder zu Grenzverletzungen kommt, die mitunter erst im Nachhinein gespürt werden. Das Tabu des 21. Jahrhunderts ist also nicht Sex zu haben, wie für unsere Vorfahrinnen. Das Tabu für Frauen heute ist Grenzen zu haben und Grenzen zu setzen.

"Die vielen Formen von Gewalt, die Frauen bis heute erleiden, um sie in ihrer Freiheit, ihrer Lebendigkeit und ihrer Sexualität einzuschränken, sind gravierend und wir neigen dazu, darüber hinwegzugehen."

Erotik-Couch: An mancher Stelle erschauert man beim Lesen, leidet mit den Ahninnen, ist erleichtert, das es heute anders ist und manchmal ist man auch verblüfft bis erstaunt. Ich denke da zum Beispiel an die Diagnose Hysterie, die mit Unterleibsmassagen behandelt wurde; Orgasmus auf Rezept. Und damit die behandelnden Ärzte nicht reihenweise Gelenkentzündungen und lahme Händen bekamen, wurden die Vibratoren erfunden. Haben Sie als Fachfrau bei der Recherche auch solche Momente gehabt, in denen Sie dachten: Das ist doch kaum zu glauben?

Sandra Konrad: Ja, es gab einige Kapitel in der Geschichte, die kamen mir so verrückt vor, dass ich sie doppelt und dreifach recherchiert habe, um mich abzusichern. Aber nicht nur historische Themen, sondern auch aktuelle Themen haben mich schockiert, zum Beispiel, dass bis heute jeden Tag mehr als 6000 Mädchen weltweit an ihren Genitalien verstümmelt werden. Dass sexualisierte Gewalt auch in Deutschland sehr verbreitet ist, jede 2. Frau wurde mindestens einmal sexuell belästigt, jede 7. Frau Opfer von sexualisierter Gewalt. Die vielen Formen von Gewalt, die Frauen bis heute erleiden, um sie in ihrer Freiheit, ihrer Lebendigkeit und ihrer Sexualität einzuschränken, sind gravierend und wir neigen dazu, darüber hinwegzugehen. Deshalb bin ich froh, dass #metoo den Anstoß gegeben hat, endlich über Missstände zu sprechen, über die wir bis vor kurzem schweigend hinweg gegangen sind.

Erotik-Couch: Nun ist es leicht sich rückblickend über frühere Zeiten zu amüsieren. Was meinen Sie, was werden die Menschen in 200 Jahren wohl über unsere Gesellschaft und den Umgang mit Sex denken, über „Nein heißt Nein“, Tinder und Freundschaft-Plus, Verhütung, "Fifty Shades of Grey" und „Alles kann nichts muss“?

Sandra Konrad Vielleicht schauen Menschen irgendwann auf das 21. Jahrhundert zurück und schaudern, wie wenig selbstverständlich Gleichberechtigung und was noch alles passieren musste, damit die sexuelle Befreiung der Frau weiter fortschreiten konnte. Schlimmstenfalls befürchte ich, dass echter Kontakt und Intimität immer mehr verlernt werden. Die Sehnsucht nach Bindung und Beziehung wird bleiben, aber wenn wir nicht üben, im echten Leben aufeinander zuzugehen, wenn Lust und Sexualität immer weiter aus Beziehungen ausgelagert werden, wird es immer mehr Einsamkeit geben, die wir mit Ersatzbefriedigungen verdecken müssen. Es ist eine große Errungenschaft, dass man nicht heiraten muss, um Sex zu haben und dass Lust nicht immer an die große Liebe gekoppelt sein muss. Aber es gibt auch die Kehrseite der Medaille: Viele junge Frauen erzählten mir, dass sie sich nicht trauen, Forderungen zu stellen, sei es sexueller oder emotionaler Art. „Das ist gegen die Abmachung“, oder „das ist uncool, zuzugeben, dass ich mehr empfinde und eine richtige Beziehung will“, solche Sätze habe ich immer wieder gehört. Echte Emanzipation würde aber doch bedeuten, zu seinen Gefühlen zu stehen und sich zuzumuten – sowohl mit seinen Wünschen als auch mit seinen Grenzen.

Erotik-Couch: „Warum sie will, was er will“, heißt der Untertitel Ihres Buches. Warum will sie denn, was er will? Und warum soll sie das nicht wollen? Und was soll sie wollen? ... dass er will, was sie will, wäre sicherlich auch nicht der ideale Zustand, oder?

Sandra Konrad: Jede Beziehung und auch Sexualität besteht aus geben und nehmen, aufeinander eingehen, gemeinsam die eigenen Grenzen und die des anderen ausloten. Soweit so gut. Aber Frauen werden immer noch dahingehend sozialisiert, dass es wichtiger ist zu gefallen, als zu bestimmen. Dass es wichtiger ist, „gut im Bett zu sein“, als sich gut im Bett zu fühlen. Viele Frauen haben Schwierigkeiten, ihre eigenen Wünsche und Grenzen zu formulieren. Das liegt auch daran, dass Frauen die längste Zeit in ihrer Lust und Sexualität unterdrückt wurden und dass diese erlernte Anpassungsfähigkeit schließlich in die emotionale DNA der Frau übergegangen ist. So lässt sich auch erklären, dass gesellschaftliche Forderungen, wie eine Frau zu sein hat, irgendwann zu weiblichen Wünschen wurden, denken wir nur an die vielen „Schönheits“-OPs, denen Frauen sich freiwillig unterziehen.

Frauen werden von den Medien, der Werbe- und der Sexindustrie nach wie vor massiv objektifiziert und sexualisiert, das ist für uns Normalität. Glücklicherweise fangen wir gerade wieder an, das zu hinterfragen.

Erotik-Couch: Angenommen Sie hätten einen Wunsch frei, was wäre denn der Idealzustand, den Sie den Menschen in 200 Jahren oder heute schon wünschen würden? Und wie könnte jeder einzelne sich auf den Weg dahin machen?

Sandra Konrad: Ich würde mir wünschen, dass jeder Mensch – egal welchen Geschlechts - Zugang zu seinen Bedürfnissen und Grenzen hat. Dass wir Gleichberechtigung und Diversität feiern. Ich würde mir wünschen, dass Frauen sowohl an intimen als auch an öffentlichen Drehbüchern mitschreiben. Dass wir alle bei sexualisierten Übergriffen und jeder Form von Gewalt nicht mehr schweigen. Dass wir solidarischer sind. Dass wir starre Geschlechterrollen hinterfragen und schauen, ob es positivere, gesündere Ideen für Männlichkeit und Weiblichkeit gibt, die uns befreien statt einzuengen. Dass wir uns zuhören und versuchen, ein bisschen zu verstehen, wie sich die Welt für den anderen gerade anfühlt. Dass wir uns als Menschen begegnen und uns gemeinsam gegen Missstände einsetzen, egal, welches Geschlecht wir haben. Das würde ich mir nicht nur im Privaten, sondern auch in der öffentlichen Debatte wünschen: Mehr Empathie, mehr Solidarität, mehr Menschlichkeit.

Das Interview führte Sigrid Tinz im August 2019.
Foto © Kirsten Nijhof

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