03.2020 Sigrid Tinz im Gespräch mit Elle Casey, Autorin von „Shine Not Burn“.

Ich habe eine sehr lebhafte Fantasie. Wenn ich erzählen würde, was ich so Nacht für Nacht träume, würde man mich wahrscheinlich für verrückt erklären.

Erotik-Couch: Sie sind eigentlich Lehrerin und Anwältin – und dann irgendwann Buchautorin geworden. Wann und wie kam das?

Elle Casey: Das kam so: Ich war jahrelang praktizierende Anwältin in Florida, als die Finanzkrise kam. Da haben meine Familie und ich (Ehemann und 3 Kinder) beschlossen, uns der um uns herrschenden Friss oder Stirb-Mentalität zu entziehen und das Abenteuer zu wagen, 1 Jahr „Pause“ in Frankreich zu machen. Aus einem sind dann 9 Jahre geworden. Dort habe ich aus einer fixen Idee heraus mit dem Schreiben angefangen; ich wollte einfach mal sehen, ob ich es kann. Ich bin Vielleser, und Bücher haben für mich mein Leben lang eine große Rolle gespielt. Ich liebe die Unterhaltung und dieses vorübergehende Ausklinken aus der Wirklichkeit. Meine berufliche Laufbahn als Lehrerin habe ich an drei verschiedenen Universitäten gestartet, bevor ich irgendwann anfing, mich dem Schreiben in Vollzeit zu widmen. Ich hatte schon immer einen Roman schreiben wollen, war aber nicht sicher, wie ich ankommen würde – etwas in der Richtung offiziell gelernt oder Kurse über Creative Writing absolviert hatte ich ja nie. Nachdem dann im Januar 2012 mein erstes Buch herauskam, fand ich zum Glück schnell Fans, was mich dazu motivierte, weiter zu schreiben. Mittlerweile macht es mein ganzes Leben aus!

Erotik-Couch: In Ihren Büchern geht es meist um Gegensätze und sehr Spannendes, die „Bourbon Street Boys“ sind neben den erotischen Liebesgeschichten eigentlich Thriller, in der neuen Reihe „McKenzy-Cowboys“ geht es genau darum, den heutigen wilden Westen, seine Männer und was passiert, wenn moderne Großstadtfrauen mit ihnen zusammentreffen. Was reizt Sie an diesen Gegensätzen?

Elle Casey: Ich glaube, an dem Spruch „Gegensätze ziehen sich an“ ist wirklich etwas dran. Das ist ja auch irgendwie nachvollziehbar, denn viele Menschen betrachten ihr Leben als durchschnittlich, 08/15, und sehnen sich nach mehr Nervenkitzel. Der Gedanke, dass man das in einer Person finden kann, die so ganz anders ist als man selbst, liegt nahe. Mein erster Ehemann war ein Cowboy aus Oregon, ich hingegen bin Anwältin – wir kamen also aus ganz verschiedenen Welten, und es war eine spannende Abwechslung, die des jeweils anderen kennenzulernen. Ich bin sehr neugierig und abenteuerlustig – dem wird man nur gerecht, wenn man sich aus seiner vertrauten Komfortzone herauswagt. Ich glaube, für mich trifft das auch auf den Bereich romantischer Beziehungen zu, und das möchte ich in meinen Geschichten zeigen. Außerdem gibt ein Szenario, in welchem zwei Menschen aus sehr unterschiedlichen Kontexten aufeinanderprallen, viel Situationskomik her und bringt einem die Charaktere noch einmal auf ganz andere Art und Weise näher, deswegen nutze ich diese Art Setting gerne. Denn in jedes meiner Bücher, egal in welchem Genre, möchte ich wenigstens einen Schuss Humor einbauen.

Erotik-Couch: In Ihren Büchern kommt wie gesagt auch immer viel Erotik vor. Darüber zu schreiben ist eine Kunst und fällt vielen Schriftstellern nach eigener Aussage nicht so leicht. Wie ist das bei Ihnen?

Elle Casey: Es ist definitiv alles andere als einfach, besonders wenn man so produktiv ist wie ich. Lahme Sexszenen will schließlich keiner! Der Trick ist, die Handlungen und Reaktionen der Figuren an ihrem persönlichen Charakter zu orientieren, worin auch die Schwierigkeit liegt, gerade wenn man viele Figuren jonglieren muss. Es kann eine echte Herausforderung sein, sie alle einzigartig, interessant und glaubwürdig zu machen. Tatsächlich greife ich oft auf meine eigenen sexuellen Erfahrungen zurück, damit es authentischer klingt. Nichts ist schlimmer, als einen tollen Liebesroman zu lesen und dann über eine Sexszene zu stolpern, die einen völlig kalt lässt. Es handelt sich auf jeden Fall um eine eigene Kunstform, an der man sich lange ausprobieren muss, bis man sie perfektionieren kann. Schlechte Sexszenen machen viel kaputt, deswegen ist es entscheidend, dass sie sitzen.

Erotik-Couch: Was ist Ihnen dabei wichtig, welche Erotik wollen Sie Ihren Leserinnen zeigen?

Elle Casey: Mir ist wichtig, dass meine Figuren echt wirken, wie Menschen, in denen meine Leser_innen Bekannte oder ggf. sich selbst wiedererkennen können. Meine Geschichten sollen meine Leser_innen in eine andere Welt entführen, sodass sie ihre Sorgen zumindest für eine Weile vergessen. Ich möchte auch, dass die Leser_innen sich in meine Figuren hineinversetzen können, ohne dass es aufgesetzt wirkt. Wenn sich meine Leser_innen bei einer der heißeren Szenen ein bisschen sexy fühlen, ist das für mich das größte Kompliment.

Erotik-Couch: Es heißt, Sie schreiben circa ein Buch pro Monat, das klingt nach ziemlich viel. Wie sieht denn ihr Arbeitsalltag aus?

Elle Casey: Zu Beginn meiner schriftstellerischen Karriere traf das vielleicht zu, aber mittlerweile schreibe ich nicht mehr annähernd so viel. Gut 3 Jahre lang habe ich das durchziehen können. Täglich habe ich mir direkt nach dem Aufwachen den Laptop geschnappt, während ich noch im Bett lag, und mit dem Schreiben angefangen, bevor ich irgendetwas anderes angepackt habe. Nach den ersten paar Büchern wurde das Schreiben – wie die meisten Jobs irgendwann – zur Last, denn es muss ja getan werden, ob man nun Lust hat oder nicht. Aber zum Glück war immer nur aller Anfang schwer. Schreibblockaden hatte ich nie, und ich glaube das liegt daran, dass Schreibblockaden hauptsächlich eine Hemmung sind, einen Anfang zu machen. Die meisten Kreativen kommen von selbst in ihren Flow, sobald sie in ihr Schaffen eingetaucht sind. Jeden Morgen, sobald ich zu tippen anfing, wurde ich wieder in die von mir erdachte Welt hineingesogen und folgte den Figuren auf ihrem Weg, bis ich das mir selbst auferlegte Ziel von mindestens 5.000 Wörtern für den Tag erreicht hatte. Meine hohe Bücherquote in dieser Zeit geht allein auf meine Disziplin beim Erreichen dieses Tagesziels zurück. 5.000 Wörter schaffe ich in etwa 3 Stunden, danach stehen ein paar Stunden Redigieren an. Die meisten brauchen für diese Menge länger, aber mein Schreibstil funktioniert wie von selbst so. Ich sehe die Handlung wie einen Film in meinem Kopf, also spiele ich beim Romanschreiben um Grunde nur Regisseur. Man könnte sagen, dass ich ein sehr visueller Typ bin. Ich arbeite gar nicht mit Entwürfen, deshalb nimmt die Story immer in einem Rhythmus Gestalt an, der für mich und meine Figuren natürlich wirkt. Ab und zu habe ich mir einen Tag freigenommen, um Zeit mit der Familie oder mit Freunden zu verbringen, aber das habe ich dann in den Folgetagen nachgeholt. Oft musste ich an einem Tag 15.000 Wörter oder mehr zustande bringen. Das war hart, aber wenn man etwas wirklich will und diszipliniert genug ist, geht alles.

Erotik-Couch: Für so viele Bücher brauchen Sie auch viele Ideen – wie finden Sie die? Oder ist es eher umgekehrt, dass sie so viele Ideen haben, dass eben ein Buch nach dem anderen entsteht. Und nach Cowboys und Privatdetektiven – auf was können sich Ihre Fans denn als nächstes freuen?

Elle Casey: Manchmal sehe ich etwas in den Nachrichten oder beobachte in der Öffentlichkeit Menschen, und mir kommt urplötzlich eine zündende Idee. Ich habe eine sehr lebhafte Fantasie. Wenn ich erzählen würde, was ich so Nacht für Nacht träume, würde man mich wahrscheinlich für verrückt erklären. Mehr und mehr kommen die Ideen auch mit dem Schreiben. „Kreativität erzeugt Kreativität“ sag ich gern, deshalb ist die Ideenfindung auch nie ein Problem für mich. Problematisch ist nur, die Zeit zu finden, all die Ideen, die mir so in den Kopf kommen, auch zu Papier zu bringen. Auf meinem Laptop habe ich einen Ordner voller Einfälle. Kommt mir einer während ich unterwegs bin, schreibe ich mir schnell selbst eine Mail mit den wichtigsten Stichpunkten, damit er nicht verlorengeht. Dieser E-Mail-Posteingang umfasst schon einige Seiten. Ich hätte sicher genug Stoff, um die nächsten 100 Jahre lang Bücher schreiben zu können. Bei den meisten Autor_innen, die ich persönlich kenne, ist es ähnlich. Fängt man an, die eigene Vorstellungskraft in Schriftform zu gießen, öffnet man ihr damit Tür und Tor. Und was das nächste Projekt angeht… Ich schreibe ja in ganz vielen Genres – Action, Abenteuer, Dytopien, Urban Fantasy; mein nächster Roman wird meine Science/Fiction-Serie Drifter’s Alliance weiterführen. Die Protagonistin ist eine taffe junge Frau, die umgeben von einer bunt zusammengewürfelten Crew auf einem Raumschiff, dass sie beim Kartenspiel gewonnen hat, ihr Leben selbstbestimmt zu gestalten versucht. Das Schreiben macht sehr viel Spaß, und ich hoffe, dass daraus irgendwann mal eine TV-Serie werden wird. Wenn es nach mir geht, sollen auch all meine Werke ins Deutsche übersetzt werden. Ich liebe meine deutschen Fans!

Das Interview führte Sigrid Tinz im März 2020.
Foto © Elle Casey