06.2019 Sigrid Tinz im Gespräch mit Doris Anselm, Autorin von „Hautfreundin. Eine sexuelle Biografie“.

Ich glaube aber, dass zumindest jede erwachsene Frau eigentlich das Bauchgefühl und die Menschenkenntnis hat, einen Mann zu erkennen, mit dem sie spontanen, schönen und sicheren Sex haben könnte.

Erotik-Couch: Der Titel Ihres Buches - „Hautfreundin“ - klingt ungewöhnlich und fantasievoll; jede Leserin hat dabei sicherlich ihre eigenen Assoziationen. Was haben Sie selbst sich dabei vorgestellt?

Doris Anselm: Tatsächlich habe ich dabei an Freundschaft gedacht. Bei Darstellungen von Sex stört mich oft, dass ihm außerhalb von romantischer Liebe etwas Negatives angeheftet wird. Vor allem: „Oberflächlichkeit“. Die Haut aber ist unsere unmittelbarste Oberfläche zur Welt, und ich finde es schön und wichtig, sich mit ihren Empfindungen zu befassen. Außerdem hat meine Protagonistin keinen Namen. Ich fand, „Hautfreundin“ und „Hautfreund“ könnte eine schöne Bezeichnung sein für jemanden, mit dem man eine freundschaftliche, also auch verantwortungsbewusste Affäre hat. Und zuletzt bezieht sich das Wort auf ein literarisches Motiv im Buch, das immer wiederkehrt. Mehr verrate ich nicht.

Erotik-Couch: Der Untertitel lautet: „Eine sexuelle Biografie“ und es geht um eine Frau, die von ihrem ersten Mal bis circa Ende Fünfzig erzählt; kennen lernen wir sie irgendwo mittendrin – und in der heutigen Zeit vermutlich. Der Zeit von Dating-Apps und Partnerschaftsbörsen. Ihre Protagonistin allerdings sucht und findet ihre Liebhaber ausschließlich in „freier Wildbahn“. Zufall oder Absicht?

Doris Anselm: Absicht. Nach allem, was ich von Singles in meiner Umgebung höre, haben keineswegs diejenigen den meisten oder schönsten Sex, die Dating-Portale nutzen – sie sind nur am meisten auf Dating-Portalen unterwegs. Die anderen sprechen einfach Leute an. Eigentlich dienen die Apps ja auch dazu, der direkten Zurückweisung auszuweichen. Aber das klappt natürlich nicht, weil sich sofort Alle ausrechnen, wie viele Anfragen man so durchschnittlich bekommen sollte… Und: Aktuell wird viel darüber debattiert, wie und wo und ob überhaupt man in der Öffentlichkeit „baggern“ darf. Ich fand es spannend, da mal eine Frau und nicht einen Mann in der Verantwortung zu beobachten.

Erotik-Couch: Alles rund um Sex schildern Sie sehr genau, die Gerüche, wie sich etwas anfühlt, Empfindungen. Mit genre-üblichen Bezeichnungen für die entsprechenden Körperteile sind Sie eher sparsam. Ist es schwer, die passende Sprache zu finden? Auch die Protagonistin sinniert anfangs ja lange über „das Wort“ für die weiblichen Geschlechtsteile, und warum es einerseits so normal ist und man es gleichzeitig kaum aussprechen mag.

Doris Anselm: Beim Schreiben habe ich mit vielen Bezeichnungen experimentiert, das hat Spaß gemacht. Aber dann habe ich festgestellt, dass ich einen Schritt zurückgehen muss. Weg von der Autorin, die ja irgendwie Narrenfreiheit hat. Privat hat Jeder bestimmte Wörter für Körperliches und Sexuelles, die er oder sie als verboten oder unangenehm empfindet. Die einfach ein anderes Echo haben als „Fuß“. Ich wollte die Lesenden in ein Nachdenken darüber hineinlocken. Und weil diese Wörter so individuell sind, löse ich auch nicht auf, um welches konkrete Wort es für die Hautfreundin selbst geht.

Erotik-Couch: Normaler Sex, freundschaftliche SM-Experimente, Quickie auf dem Supermarktparkplatz, Tantra: die Hautfreundin ist lebensfroh und erfahrungshungrig und hat viel unverbindlichen Spaß mit mehr oder weniger fremden Männern. So vertrauensvoll mit jemand mitzugehen oder ihn zu sich mitzunehmen, ist ja in der Regel etwas, wovor Frauen gewarnt werden, oder?

Doris Anselm: Ich mag als Autorin einfach das episodische Erzählen. Die kleinen Momente und neuen Entdeckungen. Mein erstes Buch war ja ein Band mit Kurzgeschichten. Und hier passte das Episodische auch inhaltlich gut zum Sexleben der Protagonistin. Ich habe bewusst viel Alltag, Job und Leben weggelassen. Interessanterweise sagen mir jetzt Leser, dass sie gerade dadurch das Gefühl haben, dass die Hautfreundin anscheinend auch anderes in ihrem Leben hat als die Männer, denen sie sexuell begegnet. Zu der Vertrauensfrage und den Warnungen an Frauen: Ich glaube, da werden immer zwei wichtige Aspekte vergessen. Erstens geht sexualisierte Gewalt am häufigsten von festen Partnern aus – nicht von spontanen Bekanntschaften. Und zweitens durften Frauen jahrhundertelang nicht selbst „baggern“, ohne dabei ihr Gesicht zu verlieren, als „billig“, „verzweifelt“ oder als „Schlampe“ dazustehen. Sie mussten sich rar machen und dann aus den verbliebenen Interessenten wählen, und das waren oft die aufdringlichsten Typen. Ich glaube aber, dass zumindest jede erwachsene Frau eigentlich das Bauchgefühl und die Menschenkenntnis hat, einen Mann zu erkennen, mit dem sie spontanen, schönen und sicheren Sex haben könnte. Oft sind das ganz kleine Zeichen: Eine gewisse Geduld, Wertschätzung, Verspieltheit, offenes Zuhören. Dafür muss man sich aber natürlich auch selbst wertschätzen, und man muss in Männern etwas anderes als Status-Träger, Retter oder Versorger sehen.

Erotik-Couch: In einen der Männer verliebt die Protagonistin sich, zumindest kann man ihre Trauer so deuten, als er sich nicht mehr meldet. Warum haben sie ihr – und den Leserinnen – denn kein Happy End gegönnt?

Doris Anselm: Weil es nicht „happy“ gewesen wäre. Schon während sie sich verliebt, merkt sie, dass ihr restliches Leben „ausbleicht“, dass sie den Mann auf einen Sockel stellt und in ihr selbst ein gewisser Opferungswille erwacht. Dass ihr eben Vieles passiert, was Frauen in Bezug auf romantische Liebe verinnerlicht haben. Die so definierte „Liebe“ tut eben nicht jedermann – oder jederfrau – gut.

Erotik-Couch: „Leserinnen“ sage ich wie selbstverständlich. Ist Ihr Buch nur ein Frauenroman? Oder was hätten Männer davon, die sexuelle Biografie der Hautfreundin zu lesen?

Doris Anselm: Männer bekommen mal ein paar anders gebaute Männerfiguren. Vielleicht denken manche dann: „Ah, okay, so einen Mann findet hier also eine Frau sexy, hm, da kann ich mithalten.“ Davon abgesehen ist es einfach geile Literatur, und die ist sowieso für Alle!

Das Interview führte Sigrid Tinz im Juni 2019.
Fotos © Bogenberger Autorenfotos

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