Couch-Wertung

8
Story
Erotik-Faktor

Story

Die Geschichte lässt sich Zeit, ein paar Wochen nur auf den vielen Seiten. Gleichzeitig passiert unwahrscheinlich viel, außen und innen und am Ende von Band 1 hat es eigentlich erst richtig angefangen. Macht Lust auf mehr.

Erotik-Faktor

Ein heißer Sommer und eine heiße Affäre zwischen zwei Unbekannten, die sich am Telefon gegenseitig hingeben, das ist höchst erotisch. Die schlimme Biografie der beiden macht es noch intensiver, fast existenziell.

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Sigrid Tinz
Heißer Telefonsex mitten im harten Leben

Buch-Rezension von Sigrid Tinz Jan 2019

Der Roman „Fifty Shades of Grey“ war großes Thema, auch bei Annie aus Oklahoma. Gelesen hat sie ihn nie, unmöglich so etwas Unmoralisches auch nur zu denken. Genau deshalb kauft die junge Frau sich das Buch. Jetzt. Zusammen mit dem Nötigsten an Essen und anderen Dingen, die sie braucht, um in einem runtergekommenen Wohnwagenpark hunderte Meilen von zu Hause entfernt ein neues Leben zu beginnen. Geflüchtet vor ihrem gewalttätigen Ehemann, die verblassten Würgemale unter einem Schal versteckt, voller Angst und ohne Plan, was werden soll. Das Buch zu kaufen ist nicht viel mehr als ein Symbol, aber es tut ihr gut.

Und es passt gut. Natürlich ist Annie nur eine erfundene Figur und auch „Broken Darkness“ nur eine Geschichte. Aber verglichen damit ist „Fifty Shades of Grey“ ein Märchen, aus der Fantasie abgeschrieben. Was den Sex betrifft möglicherweise nicht, aber die Story: Reicher Mann wie Christian erwählt junges unbedarftes Mädchen wie Anastasia; sie ist so rein und vollkommen und darf sogar seine dunkle Seele retten und als Gegenleistung gibt es Luxus pur und göttlichen Sex, von dem sie nie zu träumen wagte.

Häusliche Gewalt als Kulisse für eine neue Liebe

Annies Geschichte ist dagegen beklemmend real: Anas und Christians gibt es in echt nicht, häusliche Gewalt ist Alltag. Und es ist nicht nur die Kulisse, sondern ausführlich, intensiv und authentisch beschrieben. Dass sie nicht nur blaue Flecken und Narben hat, sondern auch nach wie vor Angst, dass Hoyt sie findet. Wie es langsam anfing mit der Gewalt, wie er ihre Freunde vergrault und sie von allem isoliert. Wie er ihr das Gefühl gab, an allem Schuld zu sein: Er hätte ihr den Hühnchenauflauf nicht ins Gesicht pfeffern müssen - wenn sie besser gekocht hätte. Und am Ende ist Annie ein Mensch, innen voller Angst und ohne Selbstwertgefühl und nach außen mit einem beschwichtigenden Dauerlächeln im Gesicht. Bloß mit nichts irgendwelchen Ärger heraufbeschwören.

Annies und Hoyts gibt es viele.

Gleich neben Annie im Wohnwagen lebt Tiffany. Mutter von drei kleinen Kindern und ihr Mann Phil kommt mal fröhlich nach Hause und spielt mit der Familie. Oder er ist in Schlägerlaune.

… Erotik, aber nur am Telefon

Annie ist weg von Hoyt, untergetaucht, hat sich die langen Haare abgeschnitten, eine falschen Namen angenommen und verdient sich im Wohnwagenpark mit Rasenmähen und Müllaufsammeln ihr Auskommen. Und: wie die vorherige Bewohnerin ihres Wagens hat sie ein Auge auf den älteren Wagen-Nachbarn Ben, ein ehemaliger Rocker. Deswegen telefoniert sie ab und zu mit dem Auftraggeber, einem Mann namens Dylan. Mehr weiß sie von diesem nicht und für ihn ist sie auch nur die nächste Person, die ihn mit Infos über Ben versorgt.
Erstmal. Aber: die beiden finden sich und vor allem ihre Stimmen anziehend und erotisch. Und bald telefonieren sie kaum noch wegen Ben, sondern um Sex zu haben, am Telefon. Annie entdeckt sich und ihren Körper: Vorher war alles Sünde, jetzt ist es ein einziger Wahnsinn. Sie hat viel mitgemacht, aber sie ist auch jung und lebenshungrig, unbedarft, neugierig. Und endlich frei, zu tun, was sie will. Dylan hört zu, macht Vorschläge, gibt Anweisungen, die beiden gehen gemeinsam auf Entdeckungsreise. Immer alles nur am Telefon, ohne Fotos, ohne viel über den anderen zu wissen oder wissen zu wollen.

Für beide ist das wie eine Insel im harten und tristen Alltag. Das sind die Szenen auf die das glitzernde Cover mit den goldenen Federn passt. Für den Rest der Geschichte passt es nicht. Die ist härter, trister, trauriger und tragischer, aber auch irgendwie echter als Glitter und Flausch. Und lässt die Zeit auf der Insel um so intensiver wirken. Auch Dylan hat kein einfaches Leben. Aber das weiß Annie nicht, nur der Leser, weil einige Kapitel aus seiner Sicht geschrieben sind.

Ein Überfall im Trailerpark und endlich das erste Treffen

Eines Nachts wird Ben überfallen. Annie hat Angst, sie ruft Dylan an. Er ist ebenfalls besorgt und lässt sie abholen und – und dann ist sie da. In seinem Haus, in Sicherheit. Und in echt. Es gibt kein Halten mehr, sie probieren alles, was sie sich am Telefon nur erzählt haben und es ist natürlich noch besser, großartig. Und es ist großartig, den beiden zu zusehen, wie sie diese spannende und sehr erotische Situation aus Anziehung und Scheu meistern. Es hätte durchaus noch etwas unsicherer und hakeliger laufen können. Aber so kann man als Leserin auch mal schwelgen und das ist auch okay.

Am Ende kommt alles raus – ist aber noch lange nicht gut

Und dann fordert das echte Leben wieder seinen Raum: Die beiden reden, Annie erzählt Dylan alles, dass sie verheiratet und vor ihrem gewalttätigen Mann geflohen ist. Dylan bietet ihr eine Wohnung an, Geld, seinen Anwalt. Seine Hilfe und seinen Schutz. Annie ist bis auf die Knochen müde und nichts würde sie lieber, als sich einfach in Dylans Arme fallen zu lassen und sich sicher zu fühlen und zur Ruhe zu kommen. Aber da ist ihr Misstrauen. Sie kennt das Gefühl, genauso war es damals, als ihre Mutter tot war, sie erst 18 und allein mit der großen Farm in Oklahoma. Da war Hoyt derjenige, der kam und sagte: „Komm, lass mich dir helfen. Ich hab Jahre hier gearbeitet auf deiner Farm, ich kenne mich aus.“ Wer weiß, wer Dylan wirklich ist? Was stimmt, was kann sie glauben, was redet sie sich womöglich ein, wie verstört ist sie, was ist echt und was nur Angst und Fantasie? Und auch ihre Selbstachtung ist ihr wichtig. Und sie entscheidet sich, alles alleine in Ordnung zu bringen. Und vielleicht gibt es auch eine Lösung mit Hoyt.

Dass sie zumindest Hoyt nach wie vor richtig einschätzt und sie nichts übertrieben hat, erfährt der Leser sehr eindrücklich, nachdem Annie nach zwei großartigen Nächten mit Dylan in den Wohnwagen zurückkehrt. Hoyt wartet dort auf sie.

Fazit

Was zwischen Annie und Dylan läuft ist höchst erotisch, auch wenn sie sich überhaupt nicht persönlich kennen sondern nur alle paar Tage telefonieren. Ein Sexroman, in dem man schwelgen kann wie in viele andere auch und ihre Geschichte ist genauso wenig passiert wie all die anderen. Trotzdem wirkt es mal nicht wie nur aus der Fantasie der Autorin abgeschrieben. Sondern all den anderen Handlungssträngen von Angst bis häuslicher Gewalt und selbstgewählter Isolation machen die Kulisse so authentisch, dass es wirkt, als könnte es wirklich genauso passiert sein.

Broken Darkness 1: So verführerisch

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