ZusammenKommen

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Kathrin Walther
8101

Erotik-Couch Rezension vonSep 2025

Story

Viele spannende Ansätze, in denen die Autorin heutige Beziehungsmuster unter die Lupe nimmt und Glaubenssätze hinterfragt.

Erotik-Faktor

Erotisch ist das Buch nicht wirklich, will es jedoch auch nicht sein. Viel mehr regt es zum Nachdenken an, um langfristig für mehr Erotik zu sorgen.

Heike Kleen zeigt, wie mehr Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern auch für mehr Erotik sorgen kann.

Die Gesellschaft hat viele Ansprüche, wie „Frau“ zu sein hat. Hübsch muss sie aussehen und Wert auf ihr  Äußeres legen. Hat sie ein Kind bekommen, liegt es an ihr, schnell ihre alte Figur wiederzubekommen, während sie sich aufopferungsvoll ums Baby kümmert. Natürlich darf auch der Ehemann nicht vergessen werden, der schließlich auch Bedürfnisse hat und sich eine erotische und liebende Ehefrau wünscht. Spätestens nach einem Jahr sollte dann auch der Berufseinstieg wieder erfolgen, während das Kind gleichzeitig nicht zu lange fremdbetreut werden darf. Fast vergessen, sich selbst treu bleiben, soziale Kontakte aufrechterhalten und Hobbys nachgehen sollte Frau bestenfalls auch noch. Das klingt alles etwas viel auf einmal?

Tja, Pech gehabt. Schließlich leben wir in einer Zeit der Gleichberechtigung, in denen Frauen dieselben Rechte zustehen, die auch Männer haben und Familie und Karriere teilen sich doch schließlich beide. Dass Gleichberechtigung dennoch anders aussieht und wie sich diese Anforderungen auf unser Sexualleben auswirken, erklärt Heike Kleen in ihrem Buch „ZusammenKommen“, in dem sie alten Rollenmustern auf den Grund geht und zeigt, welche Auswirkungen der heutige Erwartungsdruck an Beziehungen sowohl auf Frauen als auch auf Männer hat.

Geschlechterrollen und ihre Auswirkungen auf die Sexualität

Die Ursprünge der feministischen Bewegung liegen weit zurück und sind tief mit unserer Gesellschaft verwurzelt. Zwar sind schon viele Schritte in Richtung Gleichberechtigung gegangen, doch immer noch existieren in unseren Köpfen viele Glaubenssätze, die uns bei der Umsetzung der Ideen Steine in den Weg legen. Auch die Rolle der Männer dabei, für die das Patriachat bisher eigentlich ganz bequem war, ist nicht zu unterschätzen, schließlich müssen auch sie ein neues Selbstverständnis entwickeln und neue Aufgaben übernehmen, welche sich dann langfristig auf die Beziehungen auswirken.

Daher fängt Heike Kleen in ihrem Buch auch erst einmal mit den „Basics“ und dem Thema „Der Körper“ an. Hier setzt sie sich nicht nur mit Erwartungen an die Vulva auseinander, sondern geht auch auf den Penis ein, den sie ebenfalls mit dem kritischen Blick der Gesellschaft betrachtet. Auch im 5. Abschnitt geht es in „Noch mehr Körper“ noch einmal um unsere Genitalien, wobei Schamhaare, der Mythos um das Jungfernhäutchen und Penis- bzw. Gebärmutterneid im Fokus stehen.

Zurück zum 2. Kapitel, in dem dann erst einmal das Thema „Aufklärung“ folgt, bei dem die meisten Heranwachsenden direkt mit den auf sie zukommenden Erwartungen konfrontiert werden. Gleichzeitig bekommen sie oft zu hören, dass Sex beim ersten Mal wehtut, man sich vor ungeplanten Schwangerschaften in Acht nehmen muss oder bloß auf den Richtigen warten soll. Eine positive Heranführung findet gesellschaftlich meist eher nicht statt.

In den nächsten beiden Abschnitten „Sexualität und Geschlechterrollen“ sowie „Sex und Gerechtigkeit“ geht die Autorin zunächst auf eingefahrene Muster in der Sexualität ein, die es zu hinterfragen gilt, bevor sie anschließend zeigt, wie sich Sex im Falle von Gleichberechtigung zwischen den Partnern verändern kann und was wir dazu aus der Geschichte lernen können. Oft prallen beim Sex verschiedene Vorstellungen aufeinander, die sich nicht selten auch aus unseren Rollen ergeben, wie Heike Kleen in „Dominanz, Unterwerfung und Augenhöhe“ thematisiert. Nach diesen vielen Betrachtungen rund um Gesellschaft, Körper und Rollenbilder geht es im nächsten Abschnitt „Die Partnerschaft“ endlich auf die Beziehungsebene, wo die Autorin vor allem das Konstrukt der Ehe und Monogamie in den Fokus nimmt.

Den Abschluss macht dann noch das Kapitel „Ein Frauenleben“. Hier wird beleuchtet, wie sich Libido im Laufe des Lebens entwickelt, welchen Veränderungen sie durch Pubertät, Mutterschaft und Wechseljahren unterliegt und wie sich damit umgehen lässt. Als letztes folgt ein Plädoyer, in dem Heike Kleen noch einmal auf den Punkt bringt, was sich verändern muss, damit es in Beziehungen wieder ein häufigeres und befriedigenderes ZusammenKommen gibt.

Sexualität als Spiegel gesellschaftlicher Konventionen

Heike Kleen taucht mit ihrem Buch tief in eingefahrene Verhaltensmuster und festsitzende Glaubenssätze ein, die vielen gar nicht bewusst sind, aber dennoch großen Einfluss auf unsere Beziehungen und die darin stattfindende Sexualität haben. Zwar hat sich in den letzten Jahrzehnten bereits viel in Sachen Gleichberechtigung getan, die Rechte der Frau wurden gestärkt und Emanzipation findet sich in allen Bereichen. Dennoch wurden viele Aspekte nicht mitgedacht und haben sich nicht entsprechend mitentwickelt, wie sie verdeutlicht.

Noch immer werden Frauen oft über ihr Äußeres bewertet, sie sollen Erwartungen im Bereich Familie erfüllen und gleichzeitig beruflich erfolgreich sein. Ein Spagat, der oft überfordert. Zuhause soll dann außerdem noch eine erfüllende Beziehung mit aufregender Sexualität geführt werden, kein Wunder, dass diese irgendwann nur noch auf Sparflamme läuft, wenn der Alltag bereits so fordernd ist. Hier kommt nun der Mann ins Spiel, der laut Kleen seine „neue Rolle“ auch oft noch nicht gefunden hat. Längst wird er nicht mehr als Versorger gebraucht, doch im Job kürzer treten, um dadurch für Entlastung im Familienalltag zu sorgen, kann bei vielen diese entstandene Lücke nicht füllen. Gleichberechtigung ist also weiterhin Fehlanzeige, wobei es in vielen Bereichen eigentlich einfach umsetzbar wäre.

Um der Sache auf den Grund zu gehen, geht die Autorin unter anderem auch auf Vorort-Recherchen und besucht neben einem Swingerclub auch die Besitzerin eines Tantra-Instituts und einen Dominus, die sie jeweils zu ihren Klientinnen und Klienten befragt. Auch das Thema Escort wird thematisiert, das vor allem von Frauen zwischen 40 und 60 angeboten wird. Ihre Erkenntnisse fließen mal in Form von Interviews, mal als Bericht in ihren Roman ein, was für Abwechslung beim Lesen sorgt.

Sowohl sprachlich als auch inhaltlich lässt sich dem ihren Ausführungen gut folgen. Heike Kleen setzt beim Leser kein großes Vorwissen voraus, erläutert anschaulich und gut nachvollziehbar. Im Anhang befinden sich Quellenbelege, auf die sich ihre Thesen stützen. Zwar bleibt beim Lesen der erotische Reiz aus, doch liegt hier auch nicht das Ziel des Buches. Viel mehr will es als ersten Schritt Veränderungen anstoßen, seine Leserinnen (und auch Leser!?) zum Hinterfragen eingefahrener Glaubenssätzen und Verhaltensweisen anregen, sodass der Erotikfaktor im zweiten Schritt wieder Einzug in Partnerschaft und Leben erhält.

Fazit

Ein interessanter Roman mit vielen spannenden Thesen, der dazu anregt, Glaubenssätze und gesellschaftliche Konventionen zu hinterfragen, sodass sie aktiv verändert werden können und mehr Gleichberechtigung in Beziehungen langfristig zu mehr und qualitativ besseren Sex führen kann.

ZusammenKommen

Heike Kleen, Penguin

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