Love, Peace & wir
- Edition Michael Fischer
- Erschienen: Mai 2026
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Wie ein „Erste-Hilfe-Kasten“ für Paare
Meist ist es ein schleichender Prozess. Die heiße Liebesbeziehung zwischen zwei Menschen verliert mit den Jahren an Feuer. Gemeinsam verbrachte Zeit und körperliche Liebe werden weniger, tiefe Gespräche weichen rationaler Alltagsorganisation und drehen sich um Abhol- und Wegbringzeiten der Kinder, Termine bei der Arbeit oder Haushaltsarbeiten. Paarzeit? Fehlanzeige. Spätestens wenn man sich irgendwann nichts mehr zu sagen hat, ist der Punkt gekommen, an dem etwas geändert werden muss, will man seinen Weg weiterhin zusammengehen.
Als Sexual- und Paartherapeut begegnet Carsten Müller vielen Paaren in dieser Situation. Um wieder in eine glückliche Beziehung zu kommen, ist für ihn das Erreichen des Dreiklangs aus „Love Peace & Wir“ (= „Sich-Lieben“, friedliches Miteinander auch in schwierigen Zeiten & Partnerschaft als Einheit) essenziell. In seinem gleichnamigen Buch stellt er 28 verschiedene Paare vor, bei denen dieser Dreiklang ins Ungleichgewicht geraten ist und beschreibt ihren Weg, der meist wieder zu mehr „Love Peace & Wir“ und schlussendlich zu einer glücklichen Beziehung geführt hat.
Wenn das Wir aus dem Blick gerät
Bevor es mit dem eigentlichen Inhalt losgeht, richtet sich Carsten Müller mit einer „Gebrauchsanleitung" an seine Leser, in der er ihnen eine Empfehlung gibt, wie sie am meisten vom Inhalt des Buches profitieren können. Liest man ein Buch normalerweise allein von vorne nach hinten, empfiehlt er stattdessen, sein Buch gemeinsam mit seinem Lieblingsmenschen zu lesen und es als Brücke für gemeinsame Gespräche zu nutzen. Die verschiedenen Geschichten lassen sich wie kleine Inseln sehen, die man je nach persönlicher Situation lesen und für sich nutzen kann.
Der erste große Abschnitt steht dann ganz unter dem Thema „Über uns reden“. Carsten Müller stellt sechs verschiedene Paare vor, bei denen mangelnde oder „falsche“ Kommunikation in eine Sackgasse geführt haben und zeigt, wie in gemeinsamen Gesprächen Missverständnisse geklärt oder neue Definitionen entwickelt werden konnten, sodass die Paare wieder zueinandergefunden haben. Im zweiten Teil „Eure Körper wahrnehmen“ geht es unter anderem um die Themen Scham, Porno und Solo-Sex, bevor Kapitel 3 „Wenn der Alltag am Wir knabbert“ sich mit Kinderwunsch und Sex, Stress und (kein) Sex nach Kindern befasst.
Auch Teil 4 „Liebe auf Dauer“ geht in eine ähnliche Richtung und widmet sich Themen wie Zeit für Sex trotz Kindern, nachlassender Anziehung durch den Partner oder plötzlichen Veränderungen in der Sexualität durch körperliche Einschränkungen. Dass Lust bei beiden Partnern nicht immer gleich ausgeprägt ist, kennen wahrscheinlich viele Paare. In „Mit Unterschieden umgehen“ geht Carsten Müller auf diesen Aspekt ein und zeigt, dass Mützen und Socken manchmal kein Abtörner sondern genau das Gegenteil sein können. Den Abschluss bildet Teil 6 mit dem Thema „Fantasie und Wirklichkeit“, die manchmal ganz schön weit auseinandergehen können, wie seine Beispiele zeigen.
Manchmal sind es die kleinen Dinge, die viel bewirken
Die Vorstellung, wie Sexualität zu funktionieren hat und welchen Raum sie in Beziehungen einnimmt, ist stark medial beeinflusst. Entsprechend hoch sind auch die Erwartungen an das eigene Sexualleben, wie Carsten Müller aus Gesprächen mit seinen Klienten weiß. Dass die Geburt eines Kindes, Krankheiten, sich verändernde Körper, Alltag und Stress einen hohen Einfluss sowohl auf die Häufigkeit als auch auf die Art und Weise, wie Sex stattfindet, haben, wird oft nicht mitgedacht und als Beziehungskrise gesehen, aus der alleine nicht mehr herausgefunden wird.
Der Satz „Beziehungen scheitern selten laut“ des Klappentextes trifft es dabei ziemlich gut. Probleme werden nicht angesprochen. Bedürfnisse nicht mitgeteilt oder es wird still davon ausgegangen, dass der Partner schließlich merken müsse, worin das Problem liegt. Oft fehlt einfach auch die Übung, über die gemeinsame Sexualität zu sprechen. Manchmal ist Scham die Ursache oder eine Sozialisierung, in der Sex tabuisiert wurde, wie Carsten Müller in seinen Sitzungen beobachten kann.
Anhand anschaulicher Beispiele (auch wenn es sich nicht um ein Kochbuch handelt, geht es doch in vielen Kapiteln sehr kulinarisch zu) und sensibler Fragen regt er seine Klienten und somit auch seine Leser zum Nachdenken und Reflektieren an. Manchmal sind es kleine Stellschrauben im Alltag, die viel bewirken können, ein andermal muss am eigenen Mindset und den persönlichen Erwartungen gearbeitet werden, um wieder zurück in eine erfüllte Beziehung zu gelangen. Liest man das Buch gemeinsam mit dem Partner, liefern die Texte eine gute Grundlage, um in den gemeinsamen Austausch zu kommen. „Wie läuft das eigentlich bei uns?“, „Wie würden wir reagieren?“ oder „Was können wir davon für unseren Alltag mitnehmen?“ sind Fragen, die man sich automatisch stellt und die oft unausgesprochene Schwierigkeiten aufdecken.
Gut gelungen ist die Gestaltung des Buches. Die Aufteilung in sechs verschiedene Überthemen schafft Orientierung, die Beispiele selbst sind gut gewählt und so aufgebaut, dass sich wahrscheinlich jeder in die vorgestellten Personen hineinversetzen kann und die ein oder andere Situation aus eigener Erfahrung kennt. Auch wenn die Beispiele mehr oder weniger aus dem Praxisalltag kommen, handelt es sich zum Schutz der Privatsphäre seiner Klienten natürlich nicht um reale Charaktere. Die Zusammenstellung seiner Paare ist weitestgehend vielfältig, vor allem was Namen und kulturelle Herkunft angeht. Die meisten Paare befinden sich gefühlt zwischen 30 und 60, wobei auch Ausreißer nach oben oder unten vorkommen. Auch wenn nur ein gleichgeschlechtliches Paar vorkommt, richtet sich das Buch an alle Formen von Partnerschaft, da sich die Probleme nicht auf heterogene Beziehungen beschränken und sich auf Beziehungen allgemein übertragen lassen.
Zusätzlich enthält das Buch eine Menge an wertvollem Hintergrundwissen zu den vorgestellten „Fällen“, welches sich schnell am daneben abgebildeten Glühbirnen-Symbol erkennen lässt. Eine Gedankenblase am Rand fordert zum kurzen Innehalten, Nachdenken und Einordnen der eigenen Gedanken auf, während sich die Zielscheibe als Impuls versteht, hinter dem sich Übungen und Umsetzungsmöglichkeiten für die eigene Partnerschaft verbergen. Auf vielen Seiten finden sich rosa unterstrichene Zeilen mit besonders wichtigen Inhalten, die so noch einmal hervorgehoben werden und zum kurzen Innehalten einladen.
Fazit
Ein anschauliches Buch mit Beispielen aus dem Leben, in denen sich wahrscheinlich jeder an der ein oder anderen Stelle wiederfinden kann. Auf lockere Art und Weise geht Carsten Müller auf häufige Stolpersteine in Beziehungen ein und liefert eine Art „Erste-Hilfe-Kasten“, mit dem sich die ein oder andere Beziehungswunde selbst verarzten und heilen lässt!

Carsten Müller, Edition Michael Fischer

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