Anaïs Nin: Im Meer der Lügen

Anaïs Nin: Im Meer der Lügen
Anaïs Nin: Im Meer der Lügen
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André C. Schmechta
9

Erotik-Couch Rezension vonJul 2022

Story

Die Schilderungen, Begegnungen und Ereignisse faszinieren von der ersten Seite, auch vor den gesellschaftlichen Hintergründen Anfang der 30er Jahre. Léonie Bischoff gewährt vielschichtige Eindrücke in das Leben von Anaïs Nin und gerät dabei tiefgründiger, als anfänglich vermutet.

Erotik-Faktor

Wie zu erwarten gibt es auch einige äußerst erotische Passagen, die Leonie Bischoff ebenso feinfühlig inszeniert. Dabei geht es nicht immer allzu explizit zu Werke, dennoch schafft sie intime, lustvolle Momente. Doch offenbart sich hier auch eine dunkle Seite. Und so gibt es Episoden im Leben von Anaïs Nin, die uns irritieren, schockieren, nachdenklich stimmen und nachhaltig berühren.

Eine unmoralische Frau?

Anaïs Nin lebt mit ihrem Mann Hugo in einer Pariser Vorstadt. Oberflächlich gesehen gäbe es eigentlich keinen Grund unglücklich zu sein. Doch Anaïs führt ein Leben, das sie sich anders vorgestellt hat. Und sie wird es ändern…

Mir war Anaïs Nin, der sich die Graphic Novel-Biografie von Léonie Bischhoff widmet, bis dato gar nicht bekannt. Über ihre Tagebücher und Erzählungen ist die 1977 verstorbene amerikanische Schriftstellerin in den 30er-Jahren bekannt geworden. Ihre persönlichen Aufzeichnungen nehmen entsprechend auch einen besonderen Platz in dieser Biografie ein.

Während die Arbeiten an ihrem Buch überhaupt nicht vorankommen, widmet sich Anaïs Nin ihren Tagebüchern hingegen täglich. Hier kann sie ihren Wünschen und Sehnsüchten Raum geben. Auch ihr sexuelles Verlangen bringt sie hier zu Papier. Doch dieses findet nicht nur in ihrer Fantasie statt. Anaïs Nin hat mehrere Affären, begehrt auch eine Frau. In diesen Begegnungen findet sie deutlich mehr Substanz und Erfüllung, als im Zusammensein mit ihrem - durchaus sympathischen und liebevollen - Mann, einem Bankier, den sie trotz alledem ebenso liebt.

Zugegeben, das klingt alles zunächst noch nach etwas oberflächlichem „Groschenroman-Charme“. Doch weit gefehlt. Es gibt hier nicht um plakativ inszenierte Wollust und frivole Liebeleien. Denn Nins aufgewühlte, gegensätzliche Gefühle und ihr teils widersprüchliches Verhalten setzen ihr durchaus zu und sie ist sich dessen bewusst. Und so werden wir immer tiefer in die Gefühls- und Gedankenwelt von Anaïs gezogen. Ihrer Suche nach Identität und Individualität, Weiblichkeit und Sexualität, die auf der einen Seite so egoistisch scheint, steht eine berührende Verletzlichkeit und Unsicherheit entgegen, die - so wird es im weiteren Verlauf deutlich - ihren Ursprung auch in Ihrer Kindheit hat.

Die Schilderungen, Begegnungen und Ereignisse faszinieren von der ersten Seite, auch vor den gesellschaftlichen Hintergründen Anfang der 30er Jahre. Anaïs Nin zieht unsere Blicke mühelos auf sich. Mal verschüchtert, mit dunklen großen Augen, dann wieder aufbrausend und wild, bleibt sie Mittelpunkt auf jeder Seite. Dagegen wirken alle sie umgebenden Männer tatsächlich blass.

Die Buntstiftzeichnungen von Léonie Bischoff wirken auf der einen Seite zart, sanft und unterstützen die teilweise schüchternen Wesenszüge von Anaïs Nin. Häufig werden nur wenige Details flächig gefüllt und der feine Strich lässt mit weichen Konturen, harmonischem Farbspiel und vielen liebevollen Details jedes Panel lebendig werden. Daneben gibt es aber auch ausdrucksstarke, symbolkräftige Bilder. Einzelne Szenen werden dann vergleichsweise üppig mit viel Farbe ausgestaltet.

Wie zu erwarten gibt es auch einige äußerst erotische Passagen, die Leonie Bischoff ebenso feinfühlig inszeniert. Dabei geht es nicht immer allzu explizit zu Werke, dennoch schafft sie intime, lustvolle Momente. Doch offenbart sich hier auch eine dunkle Seite. Und so gibt es Episoden im Leben von Anaïs Nin, die uns irritieren, schockieren, nachdenklich stimmen und nachhaltig berühren.

Fazit:

Ist Anaïs Nin eine unmoralische Frau? Sicherlich mag das hier geschilderte Leben, mit teils widersprüchlichem und schamlosem Verhalten unterschiedliche Reaktionen hervorrufen. Doch mit ihrer eindrucksvoll gezeichneten und wunderbar erzählten Biografie gewährt Léonie Bischoff vielschichtige Eindrücke in das Leben von Anaïs Nin und gerät dabei tiefgründiger, als anfänglich vermutet. Ein tolles Werk!

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